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Historisches und engagiertes Sprechen. Ein Seminar zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine

Ein Seminar zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Teil des Bachelorstudiums Geschichte anzubieten, ist nicht ohne Herausforderungen: Nicht nur deshalb, weil es sich nicht um ein im engeren Sinne geschichtswissenschaftliches Thema handelt, sondern vor allem wegen der politischen Brisanz. Ich habe mich dennoch für dieses Wagnis entschieden, weil ich unter Studierenden seit dem Februar 2022 ein wachsendes Bedürfnis nach Orientierungswissen erlebte. Um es vorweg zu nehmen: Interesse und Engagement der Studierenden waren geradezu überwältigend, der Lernerfolg außergewöhnlich groß. Einen Höhepunkt des Seminars bildete die letzte Sitzung, als die Studierenden einen Text von Jeffrey Sachs mit bemerkenswerter Präzision analysierten und Narrative und Strategien russlandfreundlicher Propaganda überzeugend identifizierten.

Martina Winkler (CAU Kiel)

Bei der Vorbereitung des Seminars „Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine“ wurde mir ein Problem immer deutlicher, das in meinem sonstigen Lehrrepertoire – viel Frühe Neuzeit, zahlreiche Seminare zur Kindheitsgeschichte, Mental Maps und ab und zu Sozialismus in der Sowjetunion und Ostmitteleuropa – sonst kaum eine Rolle spielt: Wie politisch darf geschichtswissenschaftliche Lehre sein, wie politisch sollte sie vielleicht sogar sein? Wie geht das verantwortlich und ohne Aufgabe fachlicher Standards? Kann man eine solche Veranstaltung in Einklang mit dem Beutelsbacher Konsens durchführen?

Man braucht keine ausführlichen Kenntnisse der Fach- und Hochschuldidaktik, um die drei Grundgedanken hinter diesem Konsens nachvollziehen zu können: Überwältigungsverbot; Beachten kontroverser Positionen; Befähigung zur Analyse eigener Interessen. Allerdings erlebte ich in den letzten Jahren bei vielen Studierenden eine starke Konzentration auf den zweiten Punkt, der verlangt, kontroverse Positionen in den Unterricht einzubeziehen. So argumentierten Studierende in Essays mitunter unter dem Schlagwort der Multiperspektivität für eine große Offenheit gegenüber der Position beispielsweise Vladimir Putins oder werteten russische Propaganda als ernstzunehmende kontroverse Position. Vor dem Hintergrund mangelnder Kenntnisse und schwacher Medienkompetenz konnten dabei schnell Apologien einer Diktatur entstehen.

Ich plante und organisierte das Seminar zum Angriffskrieg gegen die Ukraine vor diesem Hintergrund: Ich wollte Debatten und Multiperspektivität ermöglichen und auch das Überwältigungsverbot einhalten, aber ohne demokratiefeindlichen und chauvinistischen Positionen sowie Fake News eine Bühne zu bieten. Und ich wollte ein politisch und emotional hochaufgeladenes Thema, das mich auch persönlich sehr bewegt, mit wissenschaftlicher Präzision und Reflexion behandeln.

Die wichtigste Strategie, um dies zu erreichen, war Transparenz. Ich kündigte das Seminar unter dem Titel „Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine“ an und vermied so vage Formulierungen wie „Der Ukraine-Konflikt“ oder „Der Krieg in der Ukraine“. Damit und nochmals ausdrücklich in der ersten Sitzung formulierte ich die Grundlage des Seminars: Es handelt sich um einen völkerrechtswidrigen Krieg, den Russland als Aggressor gegen die Ukraine führt. Das sehr diskussionsintensive Seminar würde selbstverständlich dem Kontroversitätsgebot folgen, aber nicht in dieser Frage, die von der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler*innen aus verschiedensten Disziplinen eindeutig beantwortet wird. Als Basislektüre diente Gwendolyn Sasses konzise Darstellung „Russlands Krieg gegen die Ukraine“.

Dass niemand im Seminar diesem Grundsatz widersprach, ich es also nicht mit Vertreter*innen von Verschwörungstheorien und/oder Kremlpropaganda zu tun hatte, mag einem für mich (und vor allem für das Seminar) glücklichen Zufall zu verdanken sein, möglicherweise aber auch der sehr klaren Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis. Das Konzept, offene und auch kontroverse Diskussionen auf der Basis einer geteilten Prämisse zu ermöglichen, ging auf. Die Studierenden entwickelten und diskutierten unterschiedliche Positionen sowohl in wissenschaftlichen als auch in politischen Fragen. Debattiert wurde beispielweise die Frage nach möglichen Problemen eines methodologischen Nationalismus in der Geschichtsschreibung zur Ukraine, die Möglichkeit einer Eskalationsgefahr durch militärische Unterstützung der Ukraine, die Relevanz unterschiedlicher Perspektiven auf Putins Herrschaftssystem oder die Bewertung realistischer Theorien. Aus diesen Positionen entstanden anregende Debatten, die jedoch niemals in eine Apologie des Krieges abrutschten.

Ebenfalls transparent diskutierten wir weitere Herausforderungen des Seminars: Es handelte sich um ein Thema, das sich täglich weiterentwickelte; klassische geschichtswissenschaftliche Konzepte, Periodisierungsdebatten und Historisierung erschienen schwierig bis unmöglich. Hinzu kam, dass wir es neben geschichtswissenschaftlich zu bewältigenden Fragen auch mit Quellen, Texten und Problemstellungen aus anderen Disziplinen zu tun hatten, in denen unsere Kompetenzen zwangsläufig begrenzt waren. Dazu gehörten insbesondere die Politikwissenschaft, vor allem Sicherheitspolitik und Internationale Beziehungen, aber auch das Völkerrecht. Dieser Herausforderung begegneten wir mit einer intensiven Auseinandersetzung, aber auch immer wieder damit, dass wir unsere eigenen Grenzen klar benannten.

Zu den erklärten Instrumenten und zugleich Zielen des Seminars gehörte vor allem eine klare Reflexion und idealerweise Trennung der verschiedenen Diskussionsebenen: Sprechen wir (a) auf der Grundlage gesicherten Wissens, idealerweise gestützt auf wissenschaftliche Analysen, diskutieren wir (b) politische Positionen auf Quellenbasis, oder (c) führen wir gerade selbst eine politische Debatte? Für den dritten Bereich galt, dass ich meine eigene politische Haltung und mein Engagement für eine stärkere, auch militärische Unterstützung der Ukraine gleich zu Beginn explizit machte und stets offen als solche kennzeichnete. „Dies ist jetzt meine persönliche politische Haltung“ gehörte zu den häufigsten Sätzen, sobald wir die wissenschaftliche Dimension verließen – gern begleitet von einem sehr offensichtlichen, auch physischen Positionswechsel (z.B. durch einen großen Schritt zur Seite) und immer mit der expliziten Einladung an die Studierenden, eine andere Meinung zu formulieren. Letztlich handelte es sich auch um eine Übung in Debattenkultur und -disziplin (und zwar für uns alle gemeinsam). Entscheidend war, die eigene Position und die Basis der Argumentation jeweils zu identifizieren und offen zu benennen.

Bücherstapel für das Seminar

Dennoch standen politische Debatten keineswegs im Zentrum. Vielmehr näherten wir uns dem Thema über die Arbeit mit Quellen (z.B. Reden Putins, deutsche Medienberichterstattung seit 2014, Videobotschaften der ukrainischen Regierung), die Auseinandersetzung mit historischen Zusammenhängen (konkret dem Abkommen von Perejaslav 1653, der ukrainischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert und dem Holodomor) sowie der Lektüre wissenschaftlicher Analysen zur Ukraine und zu Russland seit 1991. Als besonders hilfreich erwiesen sich hier Texte von Sabine Fischer zum chauvinistischen System Putins und Yaroslav Hrytsaks Auseinandersetzung mit Prozessen des Nationbuilding in der unabhängigen Ukraine.

Politische Diskussionen im Seminar wurden häufiger, je mehr wir uns der Gegenwart näherten, gegen Ende des Semesters über die NATO-Beitritte verschiedener osteuropäischer Länder und die Debatte über „not one inch further“ sprachen und die Abkommen von Minsk diskutierten. Die vorherige intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des russischen/sowjetischen Imperialismus, mit Konzepten von Nation und Souveränität und der westlichen (insbesondere deutschen) Wahrnehmung russischer Politik seit 2014 hatte die Studierenden gut auf diese komplizierten Zusammenhänge vorbereitet. Sie hatten genügend gesichertes Wissen aufgebaut, um angesichts der Komplexität nicht in eine „Aber die NATO“-Vereinfachung abzugleiten.

In einer Sitzung über die Politik der Desinformation fingen wir verschiedene bereits zuvor angesprochene Themen und Probleme systematisch auf. Wir setzten uns mit Begriffen wie Desinformation/Misinformation/Propaganda auseinander und diskutierten medienwissenschaftliche Ansätze, Desinformation zu kategorisieren. Darüber hinaus diskutierten wir die Bedeutung und Zuverlässigkeit verschiedener Mechanismen des gatekeeping. Letztlich aber diente diese Sitzung vor allem dazu, das – bereits seit einigen Wochen immer deutlicher werdende – Bedürfnis der Gruppe nach einer offeneren politischen Debatte zu befriedigen. Es ging nun vor dem Hintergrund eines politikwissenschaftlichen Textes (Polegkyi) explizit um die eigenen Erfahrungen, Meinungen und auch Ängste. Viele Studierende äußerten ihre Befürchtungen angesichts zunehmend systematischer Desinformation als Mittel antidemokratischer Politik. Gemeinsam suchten wir nach Möglichkeiten, im Alltag dagegen anzugehen, sei es in der Kommunikation mit Freund*innen, in der Universität, in der künftigen Tätigkeit als Lehrende und nicht zuletzt im politischen Engagement.

All dies führte in die bereits erwähnte letzte Sitzung, für die die Studierenden einen Text des für seine Kremlnähe bekannten Ökonomen Jeffrey Sachs vorbereitet hatten. Die Aufgabenstellung basierte auf der Prämisse, dass es sich hier um einen gezielt manipulativen Text handelt. Ich formulierte diese Prämisse explizit und eröffnete ausdrücklich die Möglichkeit, ihr zu widersprechen. Dennoch lautete die Aufgabe, den Text auf seine Strategien zu untersuchen und dem Impuls zu widerstehen, Sachs’ Thesen als ernsthafte Basis für Diskussionen zu begreifen. Wir lasen Sachs somit nicht als wissenschaftlichen Text oder als Information zu einer Faktenlage, sondern als Quelle für bestimmte Formen der Kommunikation. Auf dieser Grundlage, kombiniert mit vorher erarbeitetem Wissen über Russland, die Ukraine, Desinformationsstrategien, die Erklärungsmodelle des Realismus und insbesondere deutsche Traditionen der Wahrnehmung Russlands, gelang den Studierenden eine brillante Analyse. Deutlich wurde, wie Sachs Whataboutism, Strohmannargumente, Wortwahl, historisches Cherrypicking, Framing und nicht zuletzt eine reduktionistische Anwendung realistischer Erklärungsmuster zu einem hochmanipulativen Text verarbeitet hat.

Viele dieser Strategien waren bereits zuvor in unterschiedlichen Quellen deutlich geworden; die Theorie des Realismus hatten wir in einer vorangegangenen Sitzung anhand eines Textes von Hendl/Burlyuk/ O’Sullivan/Aizada Arystanbek erarbeitet; für die Sitzung zu Sachs stellte ich außerdem eine (offene) Liste mit rhetorischen Strategien zur Verfügung. Deutlich wurde vor allem, dass ein solcher Blick auf Strategien und Struktur hilfreicher ist als der – zum Scheitern verurteilte – Versuch, jede einzelne Falschbehauptung zu identifizieren und richtigzustellen. Faktenchecks sind langsamer als systematisches Lügen und deutlich weniger wirksam.

Insgesamt hat das Seminar, so hoffe ich, und so war mein Eindruck aus Beteiligung und Evaluation, nicht nur dringend benötigtes Faktenwissen bereitgestellt, das für das Verständnis des Krieges gegen die Ukraine von zentraler Bedeutung ist. Viele Studierende begrüßten besonders die intensiven Diskussionen; einige kritisierten dennoch ein Zuviel an Informationen und fühlten sich überfordert. Das Seminar sollte den Studierenden auch Werkzeuge an die Hand gegeben haben, mit denen sie aktuelle Entwicklungen (auch über den unmittelbaren Kontext des Krieges hinaus) besser analysieren, Falschinformationen identifizieren und sich gegen Manipulationen wehren können. Ich hatte mich auf größere Probleme eingestellt, letztlich aber ein sehr interessantes und auch für mich selbst extrem lehrreiches Seminar erlebt.

Forschungsliteratur

Baumann, Fabian: Between Empires: Ukraine in the Nineteenth Century, in: Palko, Olena; Férez Gil, Manuel (Hg.): Ukraine’s Many Faces: Land, People, and Culture Revisited, Bielefeld 2023, S. 83–90.

Hendl, Tereza; Burlyuk, Olga; O’Sullivan, Mila u. a.: (En)Countering epistemic imperialism: A critique of “Westsplaining” and coloniality in dominant debates on Russia’s invasion of Ukraine, in: Contemporary Security Policy 45 (2), 2024, S. 171–209.

Hrytsak, Yaroslav: The third Ukraine: A case of civic nationalism, in: Philosophy & Social Criticism 50 (4), 2024, S. 674–687.

Kappeler, Andreas: Revisionismus und Drohungen: Vladimir Putins Text zur Einheit von Russen und Ukrainern, in: Osteuropa 71 (7), 2021, S. 67–76.

Plokhy, Serhii: The frontline: essays on Ukraine’s past and present, Cambridge 2021.

Polegkyi, Oleksii: Russian disinformation and propaganda before and after the invasion of Ukraine, in: Rocznik Instytutu Europy Środkowo-Wschodniej 21 (1), 2023, S. 91–107.

Sarotte, M.E.: How to Enlarge NATO: The Debate inside the Clinton Administration, 1993–95, in: International Security 44 (1), 2019, S. 7–41.

Sasse, Gwendolyn: Russlands Krieg gegen die Ukraine: Hintergründe, Ereignisse, Folgen, München 2024.

Von Essen, Hugo; Umland, Andreas: Russlands diktierter Nicht-Frieden im Donbas 2014–2022: Warum die Minsker Abkommen von Anbeginn zum Scheitern verurteilt waren, in: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen 6 (3), 2022, S. 282–292.

Vulpius, Ricarda: Temporary alliance or permanent submission? The meaning of the Pereiaslav Agreement of 1654 in the context of the Russian Empire, in: Schulze Wessel, Martin (Hg.): Revolution and War. Ukraine and the Great Transformation of Modern Europe, Leipzig, S. 61–80.

Quellen

Antrag der Fraktionen SPD, CDU/CSU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP: Holodomor in der Ukraine: Erinnern – Gedenken – Mahnen. Deutscher Bundestag Drucksache 20/4681, 29.11.2022. Online: <https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf>.

Baberowski, Jörg: Zwischen den Imperien, in: Die Zeit, 13.03.2014.

Putin, Vladimir: Rede an die Nation vom 21.2.2022, Dokumentation, Osteuropa, https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/putin-rede-21.2.2022. Originaltext: http://kremlin.ru/events/president/news/67828.

Putin, Vladimir: Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer, in: Osteuropa 71 (7), 2021, S. 51–66. Originaltext: http://kremlin.ru/events/president/news/66181

Putins Vorgehen ist verständlich, Interview mit Helmut Schmidt, in: Die Zeit, 27.03.2014.

Sachs, Jeffrey: Europa in der Falle – warum ist Russland eigentlich der Feind?, in: Berliner Zeitung, 28.8.2025, https://acamedia.info/politics/escalation/references/sachs/Jeffrey_Sachs:%20Europa_in_der_Falle-warum_ist_Russland_eigentlich_der_Feind%3F.pdf.

Martina Winkler
Martina Winkler

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Martina Winkler (16. März 2026). Historisches und engagiertes Sprechen. Ein Seminar zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Geschichtswissenschaftsdidaktik. Abgerufen am 17. August 2026 von https://doi.org/10.58079/15vo8


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